29. Wave Gotik Treffen in Leipzig

Ich möchte euch über meine Erlebnisse und Erkenntnisse im Rahmen dieses Festivals erzählen.

Wer meine Krankheitsgeschichte gelesen hat, konnte feststellen, dass ich dieses Ereignis mit großer Freude erwähnte. Ich nahm im Jahre 2002 das erste Mal teil, als ich noch in Leipzig wohnte. Damals war es sehr günstig, da ich nicht auf dem Zeltplatz oder Hotel unterkommen musste. In diesem Jahr hatte ich bereits im Februar ein Hotel in der Nähe des Zentrums gebucht, obwohl da nicht klar war, ob es überhaupt stattfinden würde. Ich besuchte das WGT allein, denn mein Mann ist nicht wirklich davon angetan. Meine Freundinnen wollten nur an einem Tag oder Wochenende nach Leipzig kommen und nicht wie ich ein Ticket kaufen. Das Festival dauerte über Pfingsten an und wird praktisch an 4 Tagen veranstaltet und betrifft die Anhänger der Gothic Szene zu der ich mich seit 2001 zähle. Das Programm beinhaltet diverse Konzerte, Lesungen und Ausstellungen, die an verschiedenen Orten spielen.

Ich wusste natürlich im Vorhinein, dass der Besuch des Festivals eine relativ große Herausforderung sein könnte. Es war klar, dass ich meinen Biorhythmus in dieser Zeit verschieben müsste, wenn ich an abendlichen Konzerten und Tanzveranstaltungen teilnehmen wollte.

Ich hatte mir einen Plan über die Bands und deren Spielorte gemacht, denn ich wollte gut organisiert sein und das hatte gut funktioniert. Ich setzte mir ein zeitliches Limit für die abendlichen Veranstaltungen, es reichte von 23:00, 01:30, und 03:30. Erst am letzten Abend reizte ich das aus und nahm an einer Tanznacht bis 03:30 teil, dafür nutzte ich meine letzten Kraftreserven.

Ich fand jedes Mal relativ spät in den Schlaf womit ich aber gerechnet hatte. Jedoch war ich gut für den Tag und seine Anforderungen gewappnet. Ich konnte die vielseitigen Geschehnisse wirklich genießen und fühlte mich nie überreizt. Das ist dennoch keine Selbstverständlichkeit für mich und bin deshalb unendlich dankbar, dass ich das erleben durfte. Ich war die gesamte Zeit über achtsam mit mir und hörte auf meine innere Stimme, die mir den rechten Weg aufzeigte.

Im Endeffekt bin ich sehr stolz auf mich, dass ich alles so gut gemeistert habe ohne Stimmungsschwankungen oder andere Auffälligkeiten davon getragen zu haben. Ich glaube, dass mir die Stabilität in den vergangenen 3 Jahren sicher dabei geholfen hat. Ich habe das Gefühl dadurch viel belastbarer zu sein und gewisse Anforderungen über die Jahre noch besser stemmen zu können. Das ist in vielen Bereichen spürbar und auch das Vertrauen in mich ist weiter gewachsen.

Ich möchte euch noch ein mir sehr wichtiges Ereignis schildern, welches sich am Pfingstsonntag abspielte. Ich wollte mit meiner Freundin, die aus Hof angereist war, ein Konzert von einer mir unbekannten Band namens „Bella Donna“ besuchen.

Die Veranstaltung richtete der „VEID“ Verein aus. Hauptsächlich fanden dort Lesungen statt und bereits am Samstag wohnte ich dort der Lesung des Buches, „Eine Socke namens Rechts“ von „Christian von Aster“ bei, die mit viel Humor um die Ecke kam. Der Verein sagte mir zunächst nichts, denn ich hatte mich auch nicht darüber informiert. Erst während der Lesung las ich ein Banner, welches an der Fassade des Hauses befestigt war, auf ihm stand geschrieben: „Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V.“.

Als ich dies vernahm reagierte ich eher nüchtern darauf und machte mir bewusst, dass ich eine verwaiste Schwester bin, weil meine Schwester sich das Leben genommen hatte. Den Begriff „verwaist“ hatte ich in diesem Zusammenhang noch nie auf dem Schirm gehabt. Jedenfalls berührte mich das an diesem Samstag nicht weiter und ich dachte auch nicht weiter darüber nach. Als ich jedoch dem Open Air Konzert lauschte und das Banner direkt auf meinem Sichtfeld lag konnte ich nicht lange an mich halten und ich bekam einen schrecklichen Weinkrampf.

Der Gesang der Sängerin war unglaublich tiefgehend, ich hatte solch einen Klang der Stimme auf diese Art und Weise nie zuvor gehört. Ich versuchte mich zu sammeln und weiter zuzuhören doch nach einer kurzweiligen Erholung packte es mich abermals und ich weinte bitterliche Tränen. Ich konnte mich nicht beruhigen und verließ letztendlich das Konzert und begab mich an einen ruhigen Ort. Mich begleitete ein starkes Schluchzen und Nachdenken.

Die Gegenwart und Unterstützung meiner Freundin war schließlich ein großer Tost für mich. Ich fand nach einer Weile wieder zu mir und konnte mich beruhigen und Abstand von meiner einsetzenden Trauer gewinnen. Ich unterhielt mich mit der Vorsitzenden des VEID Vereins Leipzig und sie gab mir die Kontaktdaten der Vorsitzenden des Vereins Dresden.

Ich hatte nie zuvor so sehr um das Ableben meiner Schwester geweint und nie geglaubt, dass in der Tiefe meiner Seele so viel Schmerz herrscht. Ich spürte eine innige Liebe für meine Schwester von der ich bis zu diesem Geschehen nichts wusste. Es ist mir klar geworden, dass ich mir bisher keinen Raum für die Trauer genommen habe und es viel mehr über die Jahre verdrängte.

Selbst während der Psychotherapie wurde dieses Thema nie angesprochen, da ich wohl augenscheinlich kein Problem damit hatte. Ich habe mir vorgenommen, wenn es an der rechten Zeit ist, meine Trauer zuzulassen. Im Moment möchte ich das noch nicht angehen und habe mir einen Schutzmantel zugelegt, den ich aber in absehbarer Zeit ablegen werde. Vielleicht kontaktiere ich die Vorsitzende des VEID Vereins Dresden und werde abwägen, ob es für mich wirklich der richtige Weg ist.

Mit diesen Zeilen möchte ich enden und den Verein für Betroffene empfehlen. ( siehe Weiterführende Links)

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