(Teil 3) „Wenn das Grübeln zur Belastung wird“

Konditionierung

Was in unserem Körper vor sich geht, wenn wir Angst haben, Panik bekommen, wütend werden oder gestresst sind, ist eine sogenannte Sympathikusreaktion: Der Körper bereitet sich auf eine Flucht-oder-Kampf-Situation vor, um zu überleben. Die Sympathikusreaktion ist eine „Mobilisierungsreaktion“, die im Zusammenspiel etwa mit Unsicherheitsgedanken zu Angst/Panik oder kombiniert mit Zorngedanken zu Wut/ Aggressivität, führt. Eine angstverringernde Sicherheitsmaßnahme, wie etwa Vermeidung oder Flucht, führt dazu, dass man nur umso mehr Angst vor dem entwickelt, was man zu vermeiden oder wovor man zu fliehen versucht. Die Angst wird jenem Umstand angelastet, den man in einer solchen Situation hinter sich lässt oder vor dem man sich (vermeintlich) schützt, auch wenn dieser Umstand selbst ursprünglich gar nicht angsteinflößend war. Dieser Umstand wird in Zukunft automatisch – oder genauer: konditioniert – Angst auslösen, damit trainiert man sein vegetatives Nervensystem, vor etwas Angst zu haben, was zuvor neutral besetzt war oder als ungefährlich empfunden wurde.

Dies ist die klassische Konditionierung, in dem ein zuvor vollkommen neutraler Reiz zu einem bedingten Reiz, einem Auslöser „Trigger“ für Angst geworden ist. Wenn man grübelt, versucht man, sich mithilfe von Trostgedanken von seinen beunruhigenden Gedanken abzuwenden. Doch genau dies bewirkt, dass man Angst vor seinen beunruhigenden Gedanken entwickelt. Mittels Konditionierung wecken die beunruhigenden Gedanken somit nach und nach ganz automatisch Unbehagen. Indem wir durch Trostgedanken gegensteuern verstärken wir diese nur umso mehr, und sie werden umso unangenehmer, erschreckender, quälender.

Generalisierung

Indem man Sicherheitsmaßnahmen ergreift, um dem Objekt seine Angst zu entfliehen, entwickelt man im selben Zuge Angst vor vergleichbaren Objekten. Die Angst „färbt ab“ auf alles, was auch nur vage an das ursprüngliche Angstobjekt erinnert. Dieses Phänomen nennt man Generalisierung. Sie sorgt obendrein dafür, dass auch „verwandte“ Gedanken mit Angst besetzt werden. Das menschliche Gehirn vermag alte Erfahrungen und Erinnerungen mit aktuellen Gedanken in Verbindung zu bringen und zu verknüpfen. Dieser Umstand – gepaart mit Generalisierung – kann dazu führen, dass der Inhalt sich immer weiter vom ursprünglichen Auslöser entfernt. Zu guter Letzt führen vollkommen unlogische Gedanken dazu, dass es uns schlecht geht, selbst wenn wir uns Vernunft eingestehen, dass unsere Vorstellungen komplett irreal sind.

Das Grübeln überwinden

Extinktion

Es sind die Trostgedanken, die Verstärker, die wegfallen müssen, damit das Spiel ein Ende findet – und damit auch das Grübeln. Indem der Grübler von jedwedem Trostgedanken absieht, kann er die beunruhigenden Gedanken überwinden und letztlich löschen (= Extinktion). Es reicht hierbei nicht seine Denkmuster zu verändern, wenn dies nicht mit Veränderungen im äußerlichen Verhalten einhergeht. Die Extinktion muss auf allen Ebenen erfolgen.

Aushalten

Man sollte nicht davon ausgehen, dass die beunruhigenden Gedanken der Wahrheit entsprechen, sie jedoch wahr sein könnten. Indem wir diese Unsicherheit aushalten und das Unbehagen zulassen, das diese Vorstellung in uns wachruft, sie weder infrage stellen noch versuchen, ihr etwas entgegenzusetzen, bereiten wir den Boden für die Extinktion beunruhigenden Gedanken.

Exposition und Reaktionsverhinderung

Bei Zwangsstörungen und Angsterkrankungen wird in der Verhaltenstherapie auf Konfrontation gesetzt, d.h. der Patient wird damit konfrontiert (oder exponiert), was ihm Angst macht, ohne dass er sich dagegen in irgendeiner Weise absichern darf. Diese Methode nennt sich Exposition und Reaktionsverhinderung (Vermeidung von Rückversicherungsverhalten). Die Gewöhnung (oder Habitutation) kann nur dann eintreten, wenn man sich eingesteht, Angst zu empfinden, und sich jeder Sicherheits- oder Schutzmaßnahme verweigert. Das Nervensystem reagiert dadurch zusehends mit weniger Angst.

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