(6) „Wenn das Grübeln zur Belastung wird“

Grübeln in speziellen Alltagskontexten

Religiöses Grübeln

Auch lebensanschauliche Fragen können ein Einfallstor für Grübeleien sein: die Frage, ob es einen Gott gibt; wie man sein Leben leben sollte. Gibt es ein Leben nach dem Tod? Der Sinn des Lebens, Hungersnöte, globale Erwärmung – all das kann Sorgen hervorrufen und zu Grübeleien führen. Auf existenzielle Fragen gibt es keine eindeutige, ja womöglich gar keine Antwort. Es liegt quasi in der Natur, dass es nicht die eine, sondern möglicherweise viele Antworten gibt, und diese Antworten sind von Ungewissheit gekennzeichnet. Mitunter kann ein solch „philosophisches“ Grübeln dazu führen, dass man sich in Momenten der Klarheit überaus weise fühlt. Die ist ein erhebendes Gefühl, folglich ein Verstärker – und die „Würze“ für weiteres Philosophieren, weitere spirituelle Grübeleien.

Entscheidungsangst

Im Grunde ist Entscheidungsangst das Resultat von Grübeln im Angesicht einer Wahl. Hat man Schwierigkeiten einen Entschluss zu fassen, was in vielen Fällen nur zu verständlich ist, kann das Grübeln hinsichtlich einer Wahlentscheidung dem vorübergehenden Vermeiden und Aufschieben der Wahl dienen. Unser Gehirn hilft uns dabei, potenzielle Gefahren vorauszusehen, wann immer uns eine Entscheidung bevorsteht und eine Wahl erforderlich ist, die Veränderungen mit sich bringen könnte. In diesen Momenten tauchen beunruhigende und angstbesetzte Gedanken auf. Entscheidungssituationen sind wie geschaffen für Grübeleien, weil es kaum je eine „richtige“ Entscheidung geben kann. Jede potenzielle Entscheidung hat ihre Vor- und Nachteile, und man die „bessere“ Wahl getroffen hat, nicht mal im Nachhinein. Je mehr Aspekte man in seine Wahl mit einbezieht, umso schwieriger wird es, sie zu überblicken. Je länger man sich mit ihr beschäftigt und Vor- und Nachteile abwägt, umso mehr neue Aspekte fallen einem ein, und je mehr Aspekte man in Betracht zieht, umso mehr wird man vor der Entscheidung zaudern.

Erwartungsangst

Nicht nur die Entscheidungsangst, auch die sogenannte Erwartungsangst kann das Resultat von Grübeleien sein; beide sind eng miteinander verwandt. Die Erwartungsphase ist durch anhaltendes Grübeln geprägt, durch das die Angstgedanken zu einer immer größeren Besorgnis beitragen, je näher das angstbesetzte Ereignis rückt. Die Trostgedanken kreisen um Vermeidungsstrategien: Soll ich nicht doch Nein sagen? Soll ich mich krankmelden oder irgendeinen anderen Hinderungsgrund vorschützen? Mit jeder Wiederholung dieses Musters steigt die Angst. Erwartungsangst ist im Grunde eine „vorauseilende Angst“, die allein auf Gedanken zu einem Ereignis beruht, das nicht mal eingetroffen ist.

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